
Es war ein Mittwochabend Ende November letzten Jahres. Ich kam gerade aus meiner Yoga-Stunde, der Duft von Lavendelöl hing mir noch in den Haaren, und eigentlich wollte ich nur kurz meine Mails checken. Mein Blick blieb an einem gelben Post-it kleben, das seit Wochen an meinem Monitor in Düsseldorf ranzte: „KI-Klausel für neue Verträge??“. Ich saß da, starrte auf das leere Dokument für den neuen Ingenieur, den wir im Januar einstellen wollten, und mir wurde schlagartig klar: Wir haben zwar 78 Mitarbeitende und ich bin die offizielle „AI-Act-Beauftragte“, aber unser Onboarding-Prozess in Sachen KI war bisher nichts weiter als dieses verfluchte Stück Papier.
Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn du eine Aufgabe vor dir herschiebst, weil sie sich nach „zu viel Jura“ anfühlt. Ich habe BWL studiert, nicht Informatik oder Rechtswissenschaften. Aber dort, im fahlen Licht meiner Schreibtischlampe, begriff ich, dass KI-Compliance nicht erst beginnt, wenn jemand den ersten Prompt schreibt. Sie beginnt in der Sekunde, in der ein neuer Kollege zum ersten Mal unsere Kaffeemaschine bedient und seinen Laptop aufklappt.
KW 2: Wenn der Gesetzestext auf die Werkbank trifft
Anfang des neuen Jahres wurde es ernst. Wir hatten drei Neuzugänge für die Produktion und die Konstruktion. Ich saß über den ausgedruckten Seiten der KI-Verordnung. Das Papier fühlte sich rau und fast schon staubig an unter meinen Fingern, während ich mit einem neongelben Marker den Annex III markierte. Dort steht es schwarz auf weiß: KI-Systeme im Bereich Personalmanagement – also auch Recruiting und die Bewertung von Mitarbeitern – gelten oft als Hochrisiko-Systeme.
Ich dachte mir nur: „Ich habe ein BWL-Diplom, keine Promotion in Computerwissenschaften“, während ich versuchte, unserer Fertigungsleiterin Frau Krüger zu erklären, warum wir nicht einfach jedes Tool nutzen dürfen, das uns „effizienteres Arbeiten“ verspricht. Frau Krüger ist pragmatisch. Sie will, dass die Maschinen laufen. Wenn ich ihr mit Article 52 und Transparenzpflichten komme, verdreht sie die Augen. Also musste ich einen Weg finden, diese abstrakten Regeln in unser Onboarding einzubauen, ohne dass die Neuen am ersten Tag vor Langeweile vom Stuhl fallen.

Der „KI-Führerschein“ als Teil der Willkommensmappe
Nach den ersten drei Einstellungen im März merkte ich, dass ein einfaches PDF im Anhang der Onboarding-Mail nicht reicht. Niemand liest das. Wir haben deshalb angefangen, ein Modul in unseren „KI-Führerschein“ zu integrieren. Es geht dabei nicht darum, die Leute zu gängeln, sondern ihnen zu zeigen, wo die Fallstricke liegen. Warum ist es zum Beispiel ein riskantes Spiel, interne Schaltpläne einfach bei ChatGPT hochzuladen, um sie „mal eben“ zu optimieren?
Ich erkläre den Neuen jetzt direkt am ersten Tag: Wir sind ein mittelständischer Betrieb mit 78 Köpfen. Wenn hier Daten abfließen, ist das kein kleiner Kratzer, das ist ein Totalschaden. Ich bin keine Anwältin, und wenn du es rechtlich ganz genau wissen willst, müsstest du wahrscheinlich eine Kanzlei für IT-Recht fragen. Aber für unseren Alltag reicht ein gesunder Menschenverstand gepaart mit den Grundregeln der Transparenz. Wer KI nutzt, muss das offenlegen. Punkt. Das ist kein Misstrauen, das ist Compliance nach dem AI Act.
Falls du dich fragst, wie man das Ganze rechtlich absichert, habe ich vor einiger Zeit mal aufgeschrieben, wer bei KI-Fehlern im Unternehmen eigentlich rechtlich gesehen haftet. Das ist nämlich die Frage, die mir die Neuen am häufigsten stellen: „Bin ich dran, wenn die KI Quatsch macht?“
KW 28: Der Moment, in dem ein Neuer mir die Augen öffnete
Ein Wendepunkt war ein Mittwochabend im letzten Monat. Wir hatten einen jungen Designer eingestellt. Während ich ihm stolz unsere frisch gebastelten KI-Richtlinien im Onboarding-Gespräch präsentierte, stutzte er. Er fragte ganz direkt: „Und was ist mit den Tools, die ich privat auf meinem Handy habe? Wenn ich damit kurz ein Foto von einem Prototyp bearbeite, um es im Team-Chat zu zeigen?“
Bäm. Shadow AI. Das hatte ich in meiner ganzen Theorie-Büffelei völlig unterschätzt. Ich saß da und musste zugeben: „Das haben wir so noch gar nicht abgedeckt.“ Es war mir peinlich, aber gleichzeitig war es der beste Moment des Tages. Anstatt ihm einfach eine fertige Regel vor den Latz zu knallen, habe ich ihn gebeten, mir zu helfen, diese Lücke zu schließen.
Das ist mein wichtigstes Learning: Statt KI-Richtlinien im Onboarding strikt vorzugeben, sollten neue Mitarbeiter diese aktiv mitgestalten. Sie bringen oft einen frischen Blick aus anderen Firmen oder dem Studium mit. Wenn wir sie einbinden, verhindern wir eine blinde Akzeptanz von Regeln, die in der Praxis sowieso niemand einhält. Wir bauen eine Kultur auf, in der man fragt, bevor man „Shadow AI“ nutzt. Es geht um gelebte Praxis, nicht um das Abhaken von Checklisten.

Praktische Umsetzung: So machen wir es jetzt in Düsseldorf
Wenn du selbst vor der Aufgabe stehst, das Onboarding KI-fit zu machen, kann ich dir nur raten: Halte es simpel. Wir nutzen jetzt drei konkrete Schritte, die ich in der ersten Woche mit jedem durchgehe:
- Die Erlaubnis-Matrix: Welche Tools sind bei uns im Maschinenbau-Umfeld freigegeben? (Spoiler: Es sind weniger, als viele denken).
- Das „Vier-Augen-Prinzip“ (Human-in-the-loop): Jedes KI-Ergebnis muss von einem Menschen geprüft werden. Das ist keine Empfehlung, sondern bei uns Pflicht.
- Feedback-Schleife: Jeder Neue hat in den ersten vier Wochen einen festen Termin bei mir, um über die KI-Nutzung in seinem speziellen Bereich zu sprechen.
Wir haben auch gemerkt, dass gerade Quereinsteiger oft ganz andere Fragen haben. Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, warum der KI-Führerschein für Quereinsteiger im Büro die beste Lösung ist, um alle auf denselben Stand zu bringen. Man darf nicht davon ausgehen, dass jeder weiß, was ein „Prompt“ ist oder warum Halluzinationen bei einer KI gefährlich sein können.
Mein Fazit nach fast einem Jahr als „Beauftragte“
KI-Compliance ist kein Sprint, den man mit einer Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag erledigt. Es ist ein Marathon, bei dem man zwischendurch mal stolpert. Ich habe Fehler gemacht, ich habe Regeln geschrieben, die zu kompliziert waren, und ich habe Momente gehabt, in denen ich am liebsten den gesamten AI Act in den Schredder geworfen hätte. Aber durch das Einbinden der neuen Kollegen fühle ich mich nicht mehr wie die einsame Polizistin, die mit dem neongelben Marker wedelt.
Wenn du in einem KMU arbeitest, weißt du, dass wir keine riesige Rechtsabteilung haben, die uns alles vorkaut. Wir müssen uns das selbst erarbeiten. Es ist oft anstrengend, und ja, ohne meine Yoga-Stunde am Mittwochabend würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Aber wenn ein neuer Mitarbeiter zu mir kommt und sagt: „Hey, ich habe da ein Tool gesehen, lass uns mal prüfen, ob das mit unseren Regeln passt“, dann weiß ich, dass das Onboarding funktioniert hat.
Es geht am Ende darum, die Angst zu nehmen und gleichzeitig die Verantwortung zu schärfen. Wir sind hier in Düsseldorf ein Team von 78 Leuten, und jeder Einzelne ist ein Teil unserer Risiko-Absicherung. Wer das im Onboarding vernachlässigt, spielt mit dem Feuer. Wenn du tiefer in die Materie einsteigen willst, schau dir an, wie man AI Act Compliance für KMU ohne Rechtsabteilung im Büroalltag umsetzen kann – es ist machbar, auch wenn man wie ich eigentlich „nur“ aus dem HR kommt.
Jetzt ist es wieder Mittwochabend. Der Lavendelduft ist fast verflogen, aber mein Schreibtisch sieht heute ordentlicher aus. Kein gelbes Post-it mehr. Dafür ein lebendiger Prozess, an dem wir alle gemeinsam arbeiten. Und das ist viel mehr wert als jede juristische Klausel, die nur in der Schublade verstaubt.