Konform Tagebuch

Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte im Unternehmen laut AI Act verstehen

Spät am Abend saß ich vor meinem Laptop und starrte auf dieses eine Bild für unseren nächsten internen Newsletter. Es war perfekt — ein bisschen zu perfekt vielleicht. Ich hatte es mit einem dieser Bildgeneratoren erstellt, um die neue Fräsmaschine in Szene zu setzen. Aber plötzlich kam dieser Gedanke: Muss ich da jetzt eigentlich einen fetten Aufkleber draufklatschen, auf dem steht 'Von einer KI gemacht', oder mache ich mich gerade völlig umsonst verrückt? In unserem 78-Mann-Betrieb hier in Düsseldorf fühle ich mich manchmal wie eine einsame Insel, wenn es um solche Detailfragen der Regulierung geht. Es ist nicht so, dass ich die Antwort sofort parat hätte, nur weil ich seit Herbst 2024 die offizielle AI-Act-Beauftragte bin.

Der Moment, in dem ein Bild nicht mehr nur ein Bild ist

Mitte November fing alles an, als ich mich das erste Mal so richtig tief in den Text des AI Acts gegraben habe. Ich weiß noch, wie sich dieses vertraute Ziehen in meinen Schulterblättern bemerkbar machte, das immer dann auftaucht, wenn ich drei Stunden lang durch die Anhänge der EU-Kommission scrolle. Ich bin BWL-erin, keine Juristin, und mein Gehirn weigerte sich anfangs standhaft, Begriffe wie 'maschinenlesbare Formate' in meine operative HR-Welt zu integrieren. Aber Artikel 50 der Verordnung ist da ziemlich unmissverständlich: Wenn wir KI-Systeme einsetzen, die Bild-, Ton- oder Videoinhalte erzeugen, die wie echte Personen, Gegenstände oder Ereignisse aussehen, müssen wir das offenlegen. Das gilt für uns als KMU genauso wie für die Tech-Riesen.

Ich dachte erst, das betrifft uns nicht, wir machen ja keine Deepfakes. Aber dann fiel mir ein, wie stolz Frau Krüger aus der Fertigung war, als sie für die interne Schulung diese KI-generierten Avatare genutzt hat. Laut Gesetz müssen diese Inhalte nun so gekennzeichnet sein, dass es für die Nutzer klar erkennbar ist. In der Theorie klingt das logisch, aber in der Praxis bei einem Maschinenbau-Zulieferer? Ich habe mich gefragt, ob wir jetzt jedes Mal einen Warnhinweis einblenden müssen, wenn Tobias aus der IT ein Tool nutzt, um Code-Dokumentationen zusammenzufassen oder Grafiken aufzuhübschen.

Artikel 50 und die Suche nach dem unsichtbaren Stempel

Anfang Februar hatte ich ein Gespräch mit unserem Marketingleiter. Er wollte wissen, ob wir die Kennzeichnung einfach klein ins Impressum schreiben können. Ich musste ihn enttäuschen. Der AI Act verlangt, dass die Kennzeichnung 'klar und unterscheidbar' sein muss. Das bedeutet, man darf sie nicht verstecken. Und noch schlimmer für mein Verständnis als Nicht-ITlerin: Die Informationen müssen oft in die Metadaten eingebettet werden. Ich saß mit Tobias in der Kaffeeküche, der Geruch von leicht verbranntem Kaffee hing in der Luft, während er versuchte, mir zu erklären, dass das Bild selbst Informationen 'in sich trägt', die von Maschinen gelesen werden können.

Ich habe in diesem Moment gemerkt, dass meine Aufgabe als interne KI-Beauftragte im Mittelstand weit über das bloße Lesen von Texten hinausgeht. Ich muss zwischen der Technik-Welt und der Anwender-Welt übersetzen. Wenn du es ganz genau wissen willst, solltest du natürlich eine Anwältin für IT-Recht fragen, aber für uns im Alltag hieß das erst mal: Wir brauchen einen Standard. Wir können nicht jedem Mitarbeiter selbst überlassen, wie er 'KI-generiert' irgendwo drunterschreibt. Ich habe dann angefangen, eine Art Leitfaden zu entwerfen, wie wir Transparenz schaffen, ohne dass unsere Dokumente aussehen wie Beipackzettel von Medikamenten.

Wir haben ja eine Übergangsfrist von 24 Monaten für die meisten Regeln, aber die Transparenzpflichten klopfen schon viel früher an die Tür. Es geht darum, dass wir jetzt die Gewohnheiten etablieren, damit wir 2026 nicht plötzlich vor einem Berg von nicht gekennzeichneten Inhalten stehen, die wir eigentlich gar nicht mehr verwenden dürften. Ich habe mir vorgenommen, das Thema im nächsten Meeting ganz pragmatisch anzugehen: Was wird generiert? Wer sieht es? Wo kommt der Stempel hin?

Die Entdeckung auf der Serviette

Letzten Monat hatte ich dann eine Art Durchbruch. Ich war bei einem Webinar und lernte, dass es Ausnahmen gibt — zum Beispiel für rein kreative, satirische oder künstlerische Werke. Aber mal ehrlich: In einem Maschinenbaubetrieb ist wenig Platz für Satire in der Betriebsanleitung. Während meiner Mittagspause saß ich in der Kantine und habe unseren ersten 'AI-Labeling-Guide' buchstäblich auf eine Serviette skizziert. Ein einfaches Icon, ein kurzer Satz, fertig. Kein juristisches Kauderwelsch, sondern etwas, das Frau Krüger und Tobias sofort verstehen.

Ich habe gemerkt, dass die Kennzeichnungspflicht eigentlich eine Chance ist. Wir haben oft darüber diskutiert, wie wir die KI-Regeln im Büro leichter einführen können. Die Kennzeichnung nimmt die Angst vor dem 'Unheimlichen'. Wenn jeder weiß: 'Okay, das Bild hier ist berechnet, aber der Text dazu ist von meinem Kollegen', schafft das Klarheit. Ich habe mich allerdings auch geirrt: Ich dachte erst, wir müssten jedes KI-korrigierte Komma in einer E-Mail kennzeichnen. Das ist zum Glück nicht der Fall. Es geht um die Generierung von Inhalten, die täuschend echt wirken könnten.

Das Paradoxon: Zerstört Kennzeichnung das Vertrauen?

Hier kommt der Punkt, der mich seit Wochen nachdenklich stimmt und den ich so in keinem Leitfaden gelesen habe. Ich habe die Sorge, dass die strikte Kennzeichnungspflicht paradoxerweise das Vertrauen untergraben könnte. Wenn plötzlich überall 'KI-generiert' draufsteht, fangen die Kollegen dann an, alles zu hinterfragen? Gestern kam ein Kollege zu mir und fragte: 'Wenn das Bild KI ist, ist dann die ganze Statistik auch gefälscht?'

Die Transparenz, die der AI Act fördern will, kann am Anfang zu einer großen Skepsis führen. Wir müssen also nicht nur kennzeichnen, sondern auch erklären, warum wir die KI an dieser Stelle genutzt haben. Es ist ein schmaler Grat. Wir wollen zeigen, dass wir modern sind und diese Tools nutzen, aber wir wollen nicht, dass unsere Arbeit als 'weniger wert' wahrgenommen wird, nur weil eine KI beim Layout geholfen hat. Das ist eine psychologische Komponente, die ich als HR-Managerin viel stärker spüre als die rein rechtliche Komponente.

Ich habe beobachtet, dass die Akzeptanz steigt, wenn wir offen darüber sprechen, dass KI ein Werkzeug ist wie ein Taschenrechner. Niemand würde erwarten, dass wir unter eine Bilanz schreiben 'Mit Excel berechnet'. Aber bei Bildern und Texten ist das Empfinden ein anderes. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Art von Transparenz umzugehen, ohne dass die menschliche Leistung dahinter unsichtbar wird.

Ein Mittwochabend-Fazit vor dem Yoga

Es ist jetzt kurz vor meiner Yoga-Stunde am Mittwochabend. Ich habe meinen Laptop zugeklappt und atme erst mal tief durch. Die Verordnungstexte sind trocken, ja, und manchmal fühle ich mich von den Details erschlagen. Aber im Kern geht es beim AI Act und der Kennzeichnungspflicht um etwas sehr Menschliches: Wir wollen wissen, womit wir es zu tun haben. Wir wollen nicht belogen werden, auch nicht von einer Maschine.

In unserem Betrieb mit 78 Leuten ist das alles noch überschaubar. Wir sind kein Weltkonzern, aber wir tragen die gleiche Verantwortung. Ich habe gelernt, dass ich nicht alles sofort perfekt wissen muss. Es reicht, wenn ich den ersten Schritt mache und sage: 'Leute, wir markieren das jetzt einfach, damit wir ehrlich zueinander bleiben.' Während ich mich gleich auf meine Matte begebe, weiß ich, dass der Stress der Woche ein bisschen abfallen wird. Der AI Act wird uns noch lange begleiten, aber wir nehmen ihn Stück für Stück auseinander, bis er in unseren Alltag passt. Und wenn ich morgen wieder im Büro bin, werde ich Tobias bitten, mir das mit den Metadaten noch mal zu erklären — vielleicht ohne verbrannten Kaffee diesmal.

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