
Es war einer dieser Abende im Spätherbst letzten Jahres, an denen das Licht im Büro in Düsseldorf schon lange vor Feierabend flackerte und ich alleine vor einer Liste mit anonymen Mitarbeiterfragen saß. 78 Namen stehen auf meiner Gehaltsliste, und gefühlt 78 Mal las ich dieselbe Sorge zwischen den Zeilen: „Werde ich durch eine Maschine ersetzt?“
Ich muss hier kurz einschieben: Ich bin keine Juristin und erst recht keine IT-Expertin. Ich habe BWL studiert und bin seit 2021 hier im Betrieb für das Personal zuständig. Dass man mich zur „AI-Act-Beauftragten“ ernannt hat, war eher ein Unfall der Zuständigkeit – irgendwer musste es ja machen. Hinweis: Auf dieser Seite findest du ab und zu Affiliate-Links zu Kursen, die ich oder meine Leute hier im Haus wirklich ausprobiert haben. Wenn du darüber etwas buchst, bekomme ich eine kleine Provision. Am Preis für dich ändert sich nichts, aber es hilft mir, diesen Blog hier neben dem Wahnsinn im Maschinenbau weiterzuführen. Ich empfehle nur, was wir selbst für gut befunden haben.
KW 46: Wenn die Verordnung auf die Realität trifft
An jenem Abend starrte ich also auf die vier Risikoklassen des EU AI Acts, die ich mir mühsam in mein Notizbuch gezeichnet hatte. Von „unannehmbar“ bis „minimal“. In der Theorie klingt das alles so sauber, aber wenn man in der Fertigungssteuerung sitzt oder wie ich im HR, dann fühlt sich KI nicht nach einer „Risikoklasse“ an, sondern nach einem schwarzen Loch. Tobias aus der IT kam rein, sah meinen verzweifelten Blick und sagte nur: „Die Leute haben keine Angst vor der Technik, sie haben Angst vor der Intransparenz.“
Da wurde mir klar, dass ich meine Rolle als interne KI-Beauftragte völlig falsch angegangen war. Ich hatte mich in Paragrafen vergraben, während draußen in der Kantine das Gerücht umging, ich würde heimlich eine Software einführen, die Kündigungen schreibt. Ich fühlte mich isoliert und ehrlich gesagt auch ein bisschen überfordert. Wie soll ich 78 Menschen erklären, was 2026 auf uns zukommt, wenn ich es selbst gerade erst lerne?

KW 50: Der Plan kurz vor der Weihnachtsfeier
Ich entschied mich gegen trockene Rundmails. Stattdessen suchte ich nach einem Weg, die „AI Literacy“ – also die KI-Kompetenz – zu fördern, ohne dass es nach Nachsitzen klingt. So stieß ich auf das Konzept für einen KI-Führerschein. Es klang fast zu simpel, aber die Idee war, jedem im Haus das Werkzeug an die Hand zu geben, KI zu verstehen, statt sie nur zu fürchten.
Aber hier kam mein erster großer Fehler: Ich dachte anfangs, wir bräuchten eine Einheitslösung für alle. Eine große Schulung, alle rein in den Besprechungsraum, Zertifikat her, fertig. Doch dann dachte ich an unsere Experten in der Konstruktion. Wenn ich denen erkläre, wie man eine E-Mail mit ChatGPT formuliert, zeigen die mir den Vogel. Mein Learning: Ein KI-Führerschein darf keine universelle Pflichtschulung sein, die alle über einen Kamm schert. Nichts frustriert Profis mehr, als künstlich entmündigt zu werden und Standardwissen vorgekaut zu bekommen, das sie längst beherrschen. Wir brauchen Flexibilität, sonst erzeugen wir genau den Widerstand, den wir abbauen wollen.
Ich habe angefangen, das Thema KI-Einsatz richtig zu kommunizieren, indem ich offen zugab: „Ich weiß auch nicht alles, aber wir lernen das jetzt gemeinsam.“ Das hat den Druck massiv rausgenommen.
Mitte April: Zwischen Euphorie und „Was soll das?“
Wir hatten den KI-Führerschein nun seit ein paar Wochen im Testlauf. Frau Krüger, unsere Fertigungsleiterin, war meine härteste Nuss. Sie ist seit 20 Jahren im Betrieb und hat eine Intuition für Maschinen, die keine KI der Welt ersetzen kann. Sie sah mich skeptisch an: „Frau Managerin, glauben Sie wirklich, dass mir ein Online-Kurs erklärt, wie ich meine Schichtpläne besser mache?“
Ich habe ihr nicht widersprochen. Ich habe ihr nur gezeigt, wie sie die mühsame Dokumentation der Wartungsintervalle durch ein kleines Tool vorstrukturieren lassen kann. Es ging nicht darum, ihren Job zu machen, sondern ihr die Zeit für das zu geben, was sie eigentlich liebt: das Tüfteln an den Maschinen. Langsam, ganz langsam, wich die Skepsis einer vorsichtigen Neugier. Wir haben dabei auch über das Glossar der wichtigsten Begriffe gesprochen, damit wir überhaupt dieselbe Sprache sprechen.
Eines Abends hörte ich das leise Summen des Druckers im völlig leeren Flur. Ich war spät dran, mal wieder. Ich nahm die ersten bunten Schulungszertifikate aus dem Schacht. Da stand „KI-Führerschein – Erfolgreich absolviert“ drauf. Es fühlte sich albern an, aber gleichzeitig war es ein greifbares Zeichen dafür, dass wir uns bewegen. Wir bereiten uns auf das Umsetzungsjahr 2026 vor, nicht mit Angst, sondern mit einem Zertifikat in der Hand.

Letzte Woche: Das Lachen in der Kantine
Der eigentliche Wendepunkt kam aber nicht durch ein Dokument. Es war ein gewöhnlicher Dienstag. Ich saß in der Kantine, als ein skeptischer Kollege aus der Fertigungsplanung – der vorher immer nur über „die Roboter-Apokalypse“ gewitzelt hatte – seinem Tischnachbarn stolz sein Handy zeigte. Er hatte mit einem KI-Tool experimentiert, um Materialengpässe besser zu visualisieren. Er lachte. Es war kein zynisches Lachen, sondern dieses befreite Lachen, wenn man merkt, dass man ein neues Werkzeug beherrscht.
In diesem Moment spürte ich dieses warme Gefühl der Erleichterung in der Brust. In der Kantine wurde zum ersten Mal über KI gelacht statt getuschelt. Das ist mehr wert als jeder Paragraf in der EU-Verordnung. Wir haben das Thema von der abstrakten Rechtsabteilung (die wir eh nicht haben) in den echten Alltag geholt. Klar, ich bin immer noch keine IT-Expertin und wenn es um knifflige Haftungsfragen geht, würde ich auch jedem raten, eine Anwältin für IT-Recht zu fragen. Aber für unsere 78 Leute hier in Düsseldorf haben wir die erste Hürde genommen.
Mittwochabend: Yoga und Ausblick
Es ist jetzt Mittwochabend, kurz nach acht. Ich komme gerade vom Yoga. Normalerweise säße ich jetzt noch vor den neuesten Entwürfen zur Daten-Governance, aber heute fühlt sich mein Nacken zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr wie Beton an. Der Druck ist weg, weil ich nicht mehr die alleinige „Wissenshüterin“ sein muss.
Der KI-Führerschein war für uns der Schlüssel, um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Wenn du in deinem Unternehmen vor ähnlichen Bergen stehst: Fang klein an. Erwarte nicht, dass jeder sofort begeistert ist. Und vor allem: Zwinge niemanden in ein Korsett aus Standardwissen, der eigentlich schon viel weiter ist. KI-Kompetenz ist kein Ziel, das man einmal erreicht, sondern ein Prozess, den man gemeinsam geht.
Wir haben noch einen weiten Weg bis 2026 vor uns, aber zumindest haben wir jetzt alle einen Führerschein für diese Reise. Falls du dich auch fragst, wie du dein Team mitnehmen kannst, ohne sie mit Paragrafen zu erschlagen, schau dir den KI-Führerschein einfach mal an. Er hat uns geholfen, aus der Schockstarre in die Handlung zu kommen. Und jetzt? Jetzt klappe ich den Laptop zu. Namasté.