Konform Tagebuch

KI und Arbeitszeit: Wie wir Effizienzgewinne im Büro fair im Team verteilen

An einem schwülen Mittwochnachmittag im Juni beobachtete ich Tobias aus der IT. Er saß vor seinem Monitor, die Jalousien halb geschlossen, um die Hitze draußen zu halten. Er hatte gerade einen technischen Bericht fertiggestellt, für den er früher locker drei Tage gebraucht hätte. Dank unserer neuen KI-Tools war er in wenigen Minuten fertig. Und dann? Er starrte einfach nur auf den Bildschirm. Er wirkte nicht erleichtert, sondern eher ratlos, fast schon ertappt. Es war dieser Moment, in dem mir klar wurde: Wenn die Maschine schneller wird, haben wir ein massives Problem mit unserer Zeitkultur, das kein Algorithmus der Welt für uns löst.

KW 25: Wenn das „Fertig“ plötzlich zu früh kommt

In unserem mittelständischen Betrieb mit 78 Mitarbeitenden sind wir stolz darauf, dass wir Dinge anpacken. Aber dieser Moment mit Tobias hat mich nachdenklich gemacht. Er wusste offensichtlich nicht, was er mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte. Hätte er sofort das nächste Ticket ziehen sollen? Wäre das fair? Wenn die KI ihm 90 % der Arbeit abnimmt, soll er dann einfach das Zehnfache leisten? Das ist die stille Angst, die hier im Büro in Düsseldorf gerade umgeht: Dass Effizienzgewinne nur dazu führen, dass der Berg an Aufgaben noch steiler wird, bis wir alle unter der Last der schieren Quantität zusammenbrechen.

Ich merke das bei mir selbst. Seit ich als interne AI-Act-Beauftragte versuche, uns durch dieses Dickicht an Regeln zu manövrieren, fühle ich mich oft wie in einer Hamsterrad-Beschleunigung. Manchmal sitze ich noch spät am Schreibtisch, obwohl die KI mir bei der Formulierung von Richtlinien geholfen hat. Warum? Weil ich die gesparte Zeit sofort wieder mit neuen „To-dos“ fülle. Das ist ein Teufelskreis. Wir müssen lernen, Effizienzrendite nicht als Einladung zur Ausbeutung zu verstehen, sondern als Chance, die Qualität unserer Arbeit zu erhöhen.

Nahaufnahme eines Monitors mit KI-Chat und komplexen Daten, die sich im Bildschirm spiegeln

Rückblick: Der April und die Angst vor der „leeren“ Zeit

Während der ersten warmen Tage im April, als wir die ersten Pilotprojekte für KI-gestützte Analysen in der Fertigungsplanung starteten, kam die Fertigungsleiterin Frau Krüger in mein Büro. Sie war sichtlich angespannt. „Wenn meine Leute jetzt schneller dokumentieren, denkt die Geschäftsführung doch sofort, wir könnten Stellen streichen“, sagte sie. Das war ein Schlag in die Magengrube. Wir sind ein Familienunternehmen, wir wollen niemanden entlassen. Aber wie erklären wir den „Zeitgewinn“?

Ich habe damals angefangen, mich intensiver mit dem Arbeitszeitgesetz (ArbZG) zu beschäftigen. Laut § 3 ArbZG liegt die maximale tägliche Arbeitszeit bei 8 Stunden. Aber das Gesetz sagt nichts darüber aus, wie *dicht* diese Stunden sein dürfen. Wenn KI die lästigen Routineaufgaben übernimmt, wird die verbleibende Arbeit oft viel intensiver und kognitiv anspruchsvoller. Man macht keine „Pausen“ mehr durch einfaches Kopieren von Daten. Jede Minute ist plötzlich Hochleistungs-Denken. Das ist brandgefährlich für das Thema Burnout.

Ich habe in dieser Phase gemerkt, dass wir eine neue KI-Etikette am Arbeitsplatz brauchen. Wir müssen offen darüber reden, dass „schneller“ nicht automatisch „mehr“ bedeuten darf. Wenn Tobias seinen Bericht in zehn Minuten schreibt, dann braucht er danach vielleicht zwanzig Minuten Zeit, um das Ergebnis kritisch zu hinterfragen – Zeit, die früher im Schreibprozess unterging.

Die rechtliche Hürde: Warum „schneller“ oft illegal ist

Ein schwüler Mittwochnachmittag im Juni war es auch, als ich das erste Mal so richtig begriffen habe, was Artikel 14 der KI-Verordnung für uns bedeutet. Ich wälzte die Texte und spürte dieses vertraute, dumpfe Pochen in den Schläfen, wenn ich versuche, den juristischen Text zur menschlichen Aufsicht zu dechiffrieren. Ich bin keine Juristin – das sage ich hier immer wieder –, und wenn du es für deinen Betrieb rechtssicher wissen willst, frag bitte eine Anwältin für IT-Recht. Aber was ich verstanden habe, ist folgendes: Im Personalwesen gelten viele KI-Systeme laut Anhang III des EU AI Acts als Hochrisiko-Anwendungen.

Das bedeutet: Wir dürfen die KI nicht einfach machen lassen. Es muss eine „menschliche Aufsicht“ geben. Und diese Aufsicht kostet Zeit. Zeit, die wir oft gar nicht einplanen, wenn wir über Effizienz reden. Wenn eine KI uns hilft, Bewerber vorzusortieren oder Leistungsdaten zu analysieren, dann spart das vielleicht beim ersten Durchlauf Zeit. Aber die Zeit, die wir brauchen, um die Ergebnisse zu prüfen, zu korrigieren und sicherzustellen, dass keine Diskriminierung stattfindet, frisst den Zeitgewinn oft wieder auf.

Ich habe das der Geschäftsführung so erklärt: Die KI spart uns nicht die Arbeit, sie verlagert sie von der „Erstellung“ hin zur „Kontrolle“. Und Kontrolle braucht einen klaren Kopf, keinen gehetzten Mitarbeiter, der schon das nächste KI-generierte Dokument auf dem Tisch liegen hat. Wer hier an der Zeit für die Aufsicht spart, riskiert horrende Bußgelder durch den AI Act. Das war ein Argument, das sogar unser Chef sofort verstanden hat.

Ausgedruckte EU-KI-Verordnung mit vielen bunten Markierungen und einer Lesebrille auf einem Holztisch

Der Wendepunkt im Juli: Qualität statt Quantität

Kurz nach der letzten Teambesprechung im Juli hatte ich endlich das Gefühl, dass der Groschen gefallen ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir Effizienzgewinne nicht in mehr Output stecken, sondern in die Reduktion der Arbeitsdichte. Das klingt erst mal paradox für einen Maschinenbau-Zulieferer, wo jede Minute zählt. Aber es ist die einzige Lösung, um unsere Leute nicht zu verbrennen.

Wir haben sogenannte „KI-Lernstunden“ eingeführt. Wenn jemand durch KI-Tools Zeit spart, wird diese Zeit offiziell dafür geblockt, sich tiefer in die Materie einzuarbeiten oder die Qualität der Ergebnisse zu verfeinern. Tobias nutzt seine „gewonnene“ Zeit jetzt, um komplexere Programmierprobleme zu lösen, für die er früher nie den Kopf frei hatte. Er starrt nicht mehr ratlos auf den Monitor, sondern nutzt die Freiheit für echtes Deep Work.

Ich sehe meine Aufgabe als KI-Beauftragte im Mittelstand auch darin, genau diese Freiräume zu schützen. Es geht darum, dass wir den „KI-Führerschein“ nicht nur als technische Schulung verstehen. Es ist eine Qualifizierung, die uns erlaubt, die Qualität unserer Arbeit auf ein neues Level zu heben. Wir haben gemerkt, wie der KI-Führerschein die Qualität unserer Büroarbeit dauerhaft sichert, indem er den Fokus weg vom schnellen „Hinklatschen“ und hin zum fundierten „Validieren“ lenkt.

Fazit: Pünktlich zum Yoga

Es ist jetzt Mittwochabend, kurz nach acht. Ich sitze im Yogastudio. Der leicht künstliche Lavendelduft des Reinigungsmittels vertreibt langsam die stickige Luft der Aktenordner und Verordnungstexte aus meinem Kopf. Heute bin ich das erste Mal seit Wochen wirklich pünktlich aus dem Büro gekommen. Nicht, weil ich weniger zu tun hatte, sondern weil ich aufgehört habe, die durch KI gewonnene Zeit sofort mit dem nächsten schlechten Gewissen zu füllen.

Mein Rat an dich, wenn du in einer ähnlichen Rolle bist: Kämpfe für diese Zeit-Rendite. Erkläre deinem Chef, dass die KI-Verordnung eine menschliche Aufsicht zwingend vorschreibt und dass diese Aufsicht nur funktioniert, wenn die Mitarbeitenden nicht unter permanentem Zeitdruck stehen. Effizienz durch KI ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um uns den Raum zurückzugeben, den wir für gute, menschliche Arbeit brauchen.

Zusammengerollte Yogamatte lehnt an einem Büroschrank in einer sonnigen Ecke als Symbol für Feierabend

Wir haben bei unseren 78 Leuten angefangen, Zeitgewinne als „Qualitätszeit“ zu deklarieren. Es ist ein Experiment, und natürlich gibt es Tage, an denen das alte Denken („Mehr! Schneller!“) wieder durchbricht. Aber wenn ich sehe, wie Frau Krüger jetzt entspannter in die Schichtplanung geht, weil die KI ihr die Vorarbeit abnimmt und sie Zeit für echte Gespräche mit ihren Leuten hat, dann weiß ich: Das ist der richtige Weg. Und jetzt atme ich erst mal tief ein – ohne an Artikel 14 zu denken.

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